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Bericht von Biggi Lewnisky

Biggi mit TimmiNach all den vielen Ereignissen weiß ich gerade gar nicht mehr so richtig wie ich mit meinem Bericht anfangen soll.

Ok, ja, der letzte Stand der Opfer: 817 Tote, 163 Vermisste, über 180.000 Gebäude zerstört, ja Du liest das richtig, in Worten: einhundertachtzigtausend. (in der gesamten Region West Sumatra, davon überwiegend kleinste Bebauung)

Wir leben alle recht eingeschränkt, alle Einkaufsmöglichkeiten sind eingestürzt oder schwer beschädigt, man bekommt wirklich nur die asiatischen Grundnahrungsmittel: Reis, Fisch Gemüse, und das nur auf dem Markt. Dieser hatte nach dem Beben auch noch ein Feuer und das Gebäude zwischen dem Gemüsemarkt und dem Hardwareteil ist völlig ausgebrannt. Jetzt nach über 2 Wochen sieht man schon wieder einige Tische mit Lebensmitteln, Eiern, Gebäck und Obst vor den Häusern, man versucht sich mit Kleinverkäufen irgendwie über Wasser zu halten.

Elektrizität und Wasserversorgung sind in Teilen der Stadt bereits wieder hergestellt, die unterirdischen Wasserrohre sind zum Großteil beschädigt und es wird einige Zeit dauern bis wieder Normalität einkehrt.

Die Stärke des Bebens am 30.9. wurde von 7,6 auf 7,9 Richter Magnitude berichtigt. Ist es wirklich schon 2 Wochen her? Oder soll ich sagen: erst 2 Wochen? Selbst nach mehreren Tagen Pause bin ich noch erschöpft, das liegt wahrscheinlich an der totalen Abwesenheit jedwelcher Anerkennung für 5 Tage und Nächte Einsatz meines und Timmis Lebens unter schwierigsten Bedingungen und bei ständig wechselndem Wetter. Aber was mir wirklich Gedanken macht ist das fast völlige Fehlen von spürbaren Nachbeben, das bin ich gar nicht gewöhnt und es macht mich nervös.

Timmi und ich waren 4 Stunden nach dem Beben bereits in Padang, die Verspätung kam daher, weil die Straße zwischen Bungus und Padang durch mehrere Erdrutsche und umgefallene Bäume unpassierbar war. Mit der Erde fielen auch Steine in der Größe eines mittleren Badezimmers auf die Straße, bis heute ist die Straße an einigen Stellen nur einspurig befahrbar.

Irgendwie kamen wir aber doch nach Padang, wo wir in der ersten Nacht ein eingestürztes Gebäude nach dem anderen nach Leben absuchten. Ich weiß nicht mehr genau wie viele, aber es waren sicher mehr als 10. Als ich Timmi erneut aufforderte an einem eingestürzten und stark schlagseitigen Gebäude zu suchen, hörte ich den Azan, den Aufruf zum Gebet, und ich erinnere mich, dass ich mich wunderte, dass es somit ja schon fast Morgengrauen sein muss. An diesem Gebäude machte Timmi eine Meldung, und das SAR Team begann sofort an dieser Stelle mit ihrer Arbeit.

Auch nach Sonnenaufgang suchten Timmi und ich ohne Unterbrechung weiter, wir suchten bestimmt 20 weitere Gebäude ab wo man noch Opfer vermisste, und wir gingen auch immer mal wieder am Ambacang Hotel und Gamma Institut vorbei, aber bei beiden waren immer noch Stimmen aus den eingestürzten Gebäuden zu hören und die Bergungsarbeiten waren in vollem Gange.

Gegen Mittag ging ich auch noch einmal an das Gebäude an dem Timmi kurz vor Sonnenaufgang eine Meldung machte und erfuhr, dass 2 junge Frauen erfolgreich aus den Trümmern geholt werden konnten, eine weitere Frau saß noch unter einem Zementbalken fest, sie sprach mit uns während der Bergungsversuche, nur ein immer flacher werdender Bürostuhl hielt den Balken davon ab, die Frau auf der Stelle zu zerquetschen. Ich erfuhr später, dass sie während der über 40 Stunden dauernden Evakuierung ohnmächtig wurde und sie während dieser Schmerzunempfindlichkeit mit Wucht herausgezogen wurde. Sie verlor beide Beine bis an die Hüfte und verstarb im Krankenhaus an inneren Verletzungen.

Am späten Abend waren Timmi und ich schon wirklich sehr müde, wenn man den Arbeitstag vor den beiden Beben um 17.16h und 17.38h mitrechnete, war ich mehr als 40 Stunden ununterbrochen auf den Beinen, davon über 30 Stunden in den Trümmern auf der Suche nach Überlebenden. Ein durchnässtes und unbequemes Feldbett im Zelt des Katastrophendienstes war mein Lager für die nächsten Stunden, bis ich mit steifen und ungelenken Knochen bei Morgendämmerung wieder aufbrach.

Zuerst ging ich wieder zum Ambacang Hotel, wo immer noch über 100 Personen vermisst wurden. Die Stimmen aus dem Inneren waren bereits verstummt und Bagger und Excavatoren gruben einen Zugang.

Vor dem Hotel stand Dr. Betty, die einzige Tierärztin in Padang die Hunde behandelt. In den 15 Jahren die ich bereits hier in Padang bin, hat sie schon vielen meiner Lieblinge das Leben gerettet. Dr. Betty ist keine besonders große Frau, was sie an Körpergröße vermisst, das macht sie mit Energie wieder wett, aber heute kam sie mir ganz winzig klein vor. Sie steuerte direkt auf mich zu als sie mich sah, nahm meine Hand und kam völlig unindonesisch direkt zur Sache: Biggi, mein Mann ist noch da drin, bitte schicke den Timmi hinein, suche ihn und hilf ihm. Ich bekam Gänsehaut als ich das hörte, völlig ohne es zu wissen hatte sie das richtige Kommando für einen Rettungshund ausgesprochen: such und hilf. Timmi und ich gingen in den Trümmerberg des Hotels und suchten einen Eingang in das Chaos des eingestürzten Gebäudes, aber wo die schweren Bergungsgeräte bereits gearbeitet hatten, brauchten wir gar nicht mehr zu suchen, dort gab es bestimmt kein Leben mehr. Wir mussten einen anderen Weg finden, und ich glaubte, dass man im hinteren Teil des Gebäudes vielleicht ein Loch in eine Mauer schlagen könnte das groß genug ist, damit Timmi hineingehen kann. Auf der Suche nach einer Stelle als Eingang für Timmi mussten wir teilweise mehrere Stockwerke eingestürzter Trümmer überqueren, und Timmi verletzte sich an der rechten Vorderpfote. Er blutete so stark dass ich den Einsatz abbrechen musste.

Timmi und ich gingen zu einer weiteren Stelle wo das SAR Team von Sawahlunto bereits wartete, wir sollten ein weiteres Gebäude nach Überlebenden absuchen. Ich bin in West Sumatra zur Zeit immer noch die einzige Person die in CSSR (Collapsed Structure Search und Rescue) ausgebildet ist und die 12 gestandenen Muslim Männer die von weit her kamen um zu helfen waren ausnahmsweise dankbar für meine Ratschläge. Es brauchte also wirklich erst eine gewaltige Katastrophe bis die Machos auch mal einer Frau zuhörten!

Das Gebäude war wie fast alle Ruinen hier "Pancake" (Pfannkuchen), das heißt, die 3 Stockwerke lagen fast ohne Zwischenräume flach eingestürzt aufeinander. Diese Formation lasst wenig Hoffnung für Überlebende da sehr wenig "void space" (leerer Raum) vorhanden ist, wo Opfer nicht von den Trümmern zerquetscht worden sind. Die andere Einbruchsformation, die " Lean To" (Angelehnt) genannt wird, bringt eine weit größere Chance für das Auffinden von Überlebenden, da dort die Stockwerke nicht flach aufeinander fallen, sondern die Wände und Böden schräg einklappen und sich aneinander lehnen.

Da es kein sehr großes Gebäude war und auf dem Gelände davor fast kein Trümmermaterial war, sah ich die Chance, dass Timmi doch noch ein weiteres Gebäude abschnüffeln kann. Es dauerte keine Minute und Timmi bellte freudig und suchte sich hinkend aber schwanzwedelnd sofort ein Stöckchen und forderte mich zum Spiel auf. Ich war ein wenig unsicher, so schnell… Hat Timmi wirklich was gefunden oder hat er einfach nur gemeldet damit er aufhören kann und seine Spielbelohnung bekommt? Der einzige Life Detector in Indonesien, der in Jakarta gelagert wird, war bereits mit seinem Operator Emi Frizer vor einer halben Stunde aus der Hauptstadt angekommen, und ich bat über Radio dass Emi das Gerät hierher bringt. Emi und ich kennen uns bereits von einigen Ausbildungen, er ist Senior Instructor bei der nationalen SAR in Jakarta.

Die Messstrahlen eines Life Detectors können durch 20 feet (ca 6 Meter) Trümmer messen, das Gerät zeigt Bewegung, Geräusch oder Herzschlag und die Anzahl der Signale an. Auf der Fernbedienung des Gerätes wird angezeigt, in welcher Tiefe der Sensor ein Lebenszeichen erfasst hat. Eine Kreuzmessung von einer anderen Stelle außerhalb des Gebäudes kann die genauere Lage der Überlebenden bestimmen.

Das Gerät zeigte 2 schlagende Herzen an. Timmi hatte also recht!

Die Evakuierung gestaltete sich dennoch äußerst schwierig, die drei Stockwerke des Gebäudes waren so dicht aufeinander gestürzt, dass von den Seiten her kein Eingang mehr möglich war, wir mussten also vertikal durch 3 Böden aus Stahlbeton bohren um an die Opfer zu kommen. Die unbarmherzige Sonne schien auf uns herunter und jetzt waren wir ausnahmsweise mal nicht mehr nass vom Regen, sondern schweißgebadet. Wir alle hatten noch nichts gegessen seit dem Beben, und um unsere Kräfte zu erhalten, bat ich die Schaulustigen und Nachbarn um Nahrungsmittel. Ich sah wie sofort mehrere Personen aufstanden und nach wenigen Minuten mit kleinen Reispaketen wiederkamen, einer brachte 2, der andere 3 , der nächste 5, eine Frau hatte uns eine Pfanne gebratenen Reis gekocht, jemand brachte Plastikbeutelchen mit heißem süßen Kaffee und ein anderer brachte einige Flaschen Jasmintee … ich war sehr gerührt, die Menschen in dieser Gegend sind so arm, aber sie haben uns trotz ihrer Armut so gut geholfen wie sie nur konnten. Emi wiederholte die Messungen mit dem Life Detector jede Stunde, für weitere 5 Stunden hatten wir 2 Anzeigen, aber in der 6. Stunde, als wir gerade den zweiten Boden durchbrochen hatten, war der Monitor still. Weitere Messungen bestätigten das Resultat und wir gaben die weitere Evakuierung an die Excavatoren ab.

Timmi suchte trotz seiner Verletzung tapfer weiter, natürlich ließ ich ihn nicht mehr über die scharfen Trümmer gehen, sondern nur noch an ungefährlichen Stellen suchen, und nach Sonnenuntergang waren wir beide schon sehr erschöpft und überreif für unser unbequemes Lager. Und da wurden wir wieder dringend gerufen. Timmi hatte ja immer wieder längere Pausen wenn ich mit der Extrikation beschäftigt war, aber auch er war absolut nicht begeistert davon wieder loszumüssen. Wir wurden zum Rocky Hotel gerufen. Anscheinend hat jemand eine schwache Stimme aus dem Inneren gehört, und Timmi sollte nun den Überlebenden lokalisieren.

Eine kurze Einsatzbesprechung mit Iwan, dem Besitzer des Hotels, zeigte mir meine Aufgabe: vorherige Suchteams konnten einige Türen der als vermietet gelisteten Hotelzimmer nicht öffnen, Timmi sollte nun die geschlossenen Türen abschnüffeln und herausfinden ob noch Überlebende in den Zimmern sind. Aber Timmi ist noch zu unerfahren, er kann noch nicht 5 Stockwerke alleine absuchen, er braucht immer wieder Aufmunterung und neue Suchanweisungen, und das bedeutet wiederum, dass ich ihn begleiten muss. Das Gebäude war sehr stark einsturzgefährdet, es hatte schon eine gewaltig schwere Schlagseite, und ich wollte keine Sekunde länger als nötig darin verbringen, also bat ich Iwan um eine provisorische Karte, auf der er mir die genaueste Lage der abzusuchenden Zimmer vermerkt und auch die allerstärksten Pfeiler in seinem Hotel einzeichnet wo Timmi und ich uns unterstellen können falls ein Nachbeben kommt.

Mir war bereits schlecht vor Erschöpfung, aber diesen einen Auftrag wollte ich noch erfüllen, also gingen Timmi und ich ins Gebäude. Wir suchten alle 5 Stockwerke ab und fanden nichts. Als wir wieder herauskamen war bereits ein Schweizer Hundeteam am Hotel angekommen. In superschicken sauberen extrem professionell aussehenden orangefarbenen Overalls mit Leuchtstreifen und frisierten Haaren. Erst da wurde mir bewusst, wie heruntergekommen ich wohl nach zweieinhalb Tagen in den Trümmern ohne Dusche und Klamottenwechsel aussehen musste. Vielleicht lag es ja daran, dass der Teamchef dieses Hundeteams keinerlei Hinweise oder Ratschläge von mir annehmen wollte. Meine Bitte um Verbandszeug für Timmi wurde einfach abgelehnt: "Wir brauchen unser Verbandszeug für unsere eigenen Hunde". Mir blieb die Spucke weg… Ich hatte all mein Verbandszeug verbraucht, an verletzten Opfern, an verletzten Rettern und Helfern und an Timmi, und Timmi hatte jetzt einen Verbandswechsel wirklich dringend nötig! Nach dieser Antwort habe ich mich einfach hingesetzt, habe Timmi in den Arm genommen, mir war zum Heulen zumute. Einige Zeit später hat sich aber doch einer der Hundeführer erbarmt und Timmis Pfote verbunden.

Timmi und ich fuhren an diesem Abend nach Hause nach Bungus, 20 km südlich von Padang. Timmi jaulte kurz auf vor Freude als er erkannte dass wir durch das eingestürzte Tor zu meinem Haus fuhren. Dieser tapfere kleine Kerl hat die letzten drei Nächte und zwei Tage als einziger Suchhund Indonesiens mehr als 40 Gebäude abgesucht, und dabei 2 lebendig begrabenen jungen Frauen das Leben gerettet. Und jetzt durfte er sich an dem Fleisch erfreuen, das wegen bereits mehrtägig andauerndem Stromausfall in meinem Gefrierschrank auftaute.

Wir hatten beide eine gute Nacht, Timmi vollgefressen auf dem weichen Fell vor meinem Bett und ich auf meiner harten Bandscheibenmatratze mit meiner warmen Katze auf den schmerzenden Knochen, ach tat das gut! Jetzt erst kam ich zur gründlichen Betrachtung meines Hauses und der Schadensermessung: Mein Haus hat Gott sei Dank keine strukturellen Schäden, Risse ja, aber die fülle ich mit Gips auf und dann hat sich das wieder. Alle Fussböden sind gerissen, die Fliesen schmirgle ich dann an den gerissenen Stellen ab und fülle die Lücken mit Fugenkitt auf. Nicht schön aber es hält wieder bis zum nächsten Beben. Alle Teiche sind wie erwartet leck, und mein Wasserturm hat weitere Schlagseite bekommen und muss gestützt werden. Leider sind mir auch über 400 Meter Zaun eingestürzt und müssen wieder aufgebaut werden.

Und am nächsten Morgen fuhr ich alleine ohne Timmi wieder nach Padang um an der Evakuierung der Opfer am Ambacang Hotel teilzunehmen. Das CSSR (Collapsed Structure Search und Rescue) Team von Jakarta, bestehend aus allen Ausbildern des BASARNAS (nationale SAR Organisation) war bereits angekommen und ich freute mich trotz der Umstände viele meiner guten Freunde wiederzusehen. Auch viele andere Search und Rescue Teams, Hundeteams und Medical Teams waren am dritten Tag bereits eingetroffen, einige mehr und andere weniger an einer Zusammenarbeit interessiert. Das Haus unseres Gouverneurs wurde in eine Presse- und Informationszentrale umgewandelt, und so ziemlich alle namhaften internationalen Organisationen hatten ihre Abgesandten dort bereits dekorativ platziert.

Die Teams die an einer Zusammenarbeit interessiert waren, fanden sich alle am Ambacang Hotel ein. Die Koordination war gar nicht so einfach, da unser SMC (SAR Mission Coordinator) kein Englisch, und die fremden Teams kein Indonesisch sprachen, aber ich konnte diese Sprachschwierigkeiten für beide Seiten überbrücken. Budi und Setiawan Gerda Yustitia vom nationalen Collapsed Structure Team hatten die Leitung der Evakuierungsarbeiten übertragen bekommen und wir machten uns gemeinsam mit den SAR Teams von gesamt Sumatra, BRIMOB (mobile Einsatzgruppe der Polizei), dem Bergungsteam der Freeport Mining Group und dem SAR Team der Vereinigten Emirate auf die Suche nach "void spaces" wo wir Überlebende vermuteten. Das SAR Team der Vereinigten Emirate hatte seinen eigenen Laster dabei, mit der privaten royalen Militärmaschine eingeflogen, und alles was man sich an Extrikationsgeraeten nur wünschen kann war auf diesem Laster vorhanden. Ein Schlaraffenland der Bergungsausrüstung! Wir alle arbeiteten zusammen um mehrere Löcher in die Böden des 2. und 3. Stockwerkes zu hacken, dort wo wir die Konferenzzimmer vermuteten. Im 2. Stock fand zur Zeit des Erdbebens eine Konferenz des Fischereiministeriums mit über 40 Personen statt an der auch Dr. Bettys Mann teilnahm, im 3. Stock war eine Zusammenkunft lokaler Architekten mit über 35 Personen. Allein von diesen beiden Veranstalten wurden noch circa 40 Personen vermisst, und nach Aussagen einiger Augenzeugen hätten es die meisten Personen aus den Konferenzzimmern geschafft, wären aber dann in den Korridoren von einstürzenden Wänden eingeschlossen worden. Der Life detector konnte hier nicht eingesetzt werden weil die Trümmer zu dicht und zu tief für eine Messung waren.

Hochsensible akustische seismische Abhörgeräte der Emirate wurden in den gebohrten Löchern angebracht und ein SOS Klopfzeichen mit einem Hammer auf den Boden geschlagen. Drei kurze, drei lange und wieder drei kurze Hammerschläge, das internationale Notsignal. Es ist eine menschliche Eigenart, dass sie auf Klopfgeräusche automatisch mit den gleichen Klopfzeichen antworten. Alle Arbeiten um das Gebäude mussten zu diesem Zeitpunkt ruhen, alle Gespräche wurden eingestellt, es musste totale Ruhe herrschen um eine mögliche Antwort eines überlebenden Opfers nicht zu überhören. Das Hammerklopfsignal wurde wiederholt und alle die wir um diese in den Boden eingelassenen Mikrofone herumstanden hielten die Luft an damit wir ja das Signal nicht stören. Und es kam eine Antwort! Wieder drei kurze, drei lange und drei kurze Klopfgeräusche, ganz schwach, wie nur mit einem Finger bewegt. Die Richtung aus der die Antwort kam konnte leider nicht definiert werden weil das Signal zu schwach war. Aber es lebte noch jemand unter diesem Trümmerberg! Und das gab uns Rettern wieder Aufschwung und Kraft, und wir fabrizierten weitere Löcher in die 90 cm dicken Stahlbetonfußböden die die drei Stockwerke voneinander trennten. Wir suchten mit beweglichen Kameras die Korridore, aber das Gebäude war so verdreht eingestürzt dass die Korridore nicht an dem Platz waren wo sie sein sollten, also suchten wir im Kreis weiter. Wir fanden die Türe zum Korridor, und mehrere Leichen die intensiven Verwesungsgeruch um sich verbreiteten. Um weiter in diesem Bereich arbeiten zu können, mussten wir erst die Leichen bergen, mit diesem Geruch auf engstem Raum zu arbeiten ist fast unmöglich. Zu dieser Zeit fingen auch die Excavatoren und Bagger am vorderen Gebäude an wieder zu arbeiten und unser Rettungsteam wurde mit kleinen und mittelgroßen Trümmern beregnet die sich durch die Vibration der schweren Bergungsgeräte aus dem einsturzgefährdeten Gebäude über uns loslösten. Wir evakuierten sofort aus diesem Gebäude, eine Rettungsaktion war unter diesen Umständen nicht nur lebensgefährlich sondern Selbstmord. Ich ging zum vorderen Teil des Hotels und bat den obersten Militärchef von West Sumatra darum die schweren Geräte ruhen zu lassen bis wir die Überlebenden evakuiert haben. Und wir bekamen 3 Stunden Zeit. Danach musste unsere Arbeit für 3 Stunden ruhen damit die schweren Geräte arbeiten können. So verging auch dieser Tag ohne einen Rettungserfolg und am Abend des vierten Tages machte das Team der Vereinigten Emirate einen weiteren Versuch mit dem Akustikgerät, bekam aber keine Antwort mehr.

Am 5. Tag waren die meisten Rettungsteams an der Bergung von Leichen beteiligt, die der Excavator freilegte. Aber das SAR Team von Freeport und einige andere Hartnäckige wie ich selbst auch suchten immer noch nach diesen Korridoren in denen wir immer noch hofften Überlebende zu finden. Das Freeport Team arbeitet speziell an Minenunfällen, und sie sind hochmotiviert, den meistens handelt es sich bei den verschütteten Opfern um ihre Freunde und Familienmitglieder und sie hören nicht mit ihrer Arbeit auf bis auch der letzte Vermisste geborgen wurde. Vielleicht sind sie deshalb jedes Jahr die Sieger der nationalen Feuer- und Rettungs-Challenge. Sie wissen, nach 5 Tagen hat man keine große Hoffnung mehr lebende Opfer zu finden, aber es gibt auch einige an Wunder grenzende Ausnahmen wie zum Beispiel in Nias nach dem Beben im März 2005. Dort wurde am Abend des 5. Tages eine Frau noch lebend und kerngesund geborgen!

Der dreistündig wechselnde Rhythmus in dem wir unsere Bergungsarbeiten weiterbetrieben, ließ uns viel Zeit zur Spekulation und Berechnung neuer Möglichkeiten wo wir diese Korridore denn nun finden könnten. Es war wie verhext, die Korridore waren weg, und das ohne bemerkenswerte Trümmer zu hinterlassen! Also folglich müssen sie noch mehr oder wenig intakt sein, aber wo haben sie sich hingedreht? Oder sind sie eingesunken?

Ein Ruf eines Freeporters ließ alle aufhören! Er hatte mit einem Echogerät einen größeren Void Space gefunden, nur mit leichten Trümmern verunreinigt, und relativ einfach, nur mit einem Durchbruch der 90 cm dicken Stahlbetondecke des dritten Stockwerkes, zu begehen. Wir hatten alle wieder plötzlich Kräfte wie junge Stiere und ich jagte nach vorne vor das Gebäude, fand ganz zufällig den Bürgermeister dort und bat ihn darum dass wir bis zum Sonnenuntergang ungestört von schwerem Rettungsgerät die Bergung von möglichen Überlebenden betreiben dürfen. Natürlich befragte ich ihn mit ausreichend lauter Stimme, sodass auch wirklich alle Reporter um ihn herum die Frage mithören konnten, und es blieb ihm nur eine Antwort übrig: "Bis Sonnenuntergang, aber dann ist Schluss"

Wir hatten 2 Stunden! Wir sägten, hämmerten und bohrten mit all unseren Kräften und hatten kurz vor Sonnenuntergang ein ausreichend großes Loch im Stahlbeton um zwei Retter dort hinein abzuseilen. Wir hatten 2 Angestellte des Hotels bei uns, und die mit Sprechfunkgeräten ausgerüsteten Retter gaben die Beschreibung des Ganges durch, von dem wir in unseren Herzen immer noch hofften, dass er uns zu Überlebenden führen würde. Wir waren alle sehr deprimiert, als die Beschreibung des Ganges immer mehr darauf hindeutete, dass es sich um den Verbindungsgang zwischen einem Schnellrestaurant und dem Spa-Bereich im Erdgeschoss des Hotels handelt. Wir holten die abgeseilten Retter wieder herauf, fasten uns an den Händen und sprachen ein gemeinsames Gebet in dem wir uns bei allen Opfern entschuldigten dass wir nun die Suche abbrechen müssen. Ich weiß dass wir alle unser Möglichstes getan haben.

Am 6. Tag suchte ich den Kontakt zu anderen Hundestaffeln. Timmi ist erst seit knapp 3 Monaten bei mir, er wurde von SAR Germany rescue dog’s task force und Malteser Hilfsdienst Rettungshundestaffel ausgebildet und diese beiden Organisationen haben auch mit Spendengeldern seinen Transport hierher finanziert. In meinen Augen grenzt es fast an ein Wunder dass Timmis Ankunft gerade noch rechtzeitig vor dem Erdbeben geklappt hat. Obwohl ich seit vielen Jahren Hunde halte, bin ich doch noch neu im Rettungshundewesen und versuche mit Engagement wettzumachen was mir noch an Erfahrung fehlt. Also besuchte ich die anderen Hundestaffeln die am Museum ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Ich lernte die Mitglieder eines deutschen, österreichischen und eines japanischen Teams kennen, wir sprachen über unsere Einsätze und ich merkte dass sie sehr enttäuscht waren, weil sie keine einzige Anzeige von ihren Hunden bekommen haben. Sie hatten nicht viel Zeit zum Plaudern und waren am Packen, die Abreise stand kurz bevor. Ich glaube ein klein wenig Neid in einigen Gesichtern gelesen zu haben, als ich erzählte dass Timmi mehrere Opfer gefunden hat, aber vielleicht war es ja auch nur ein Aufflackern von Erschöpfung. Jedenfalls schenkten sie mir großherzig ihr übriges Hundefutter und einige Spielzeuge für Timmi.

Seither bin ich öfter mal mit dem Hubschrauber nach Pariaman unterwegs und helfe bei der Verteilung von Hilfsgütern und der Beschaffung von gültigen Informationen über Schäden und Hilfsanforderungen.

Eine Nachfrage bei den vorgelegenen Mentawai Inseln ergab, dass sich das Riff dort noch nicht gehoben hat. Somit ist es klar, dass das Erdbeben vom 30.9. mit dem Epizentrum an einer Faultline der Eurasischen Platte 50 km südwestlich von Pariaman, keine Entspannung an der Subduktionszone der Eurasischen und Indoaustralischen Erdplatten um die Mentawai Inseln und somit für Padang mit sich brachte. Die riesige aufgestaute Energie dieser Erdplatten muss sich also erst noch lösen…

Biggi Lewinsky Oktober 2009

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